Caritas-Straßenapostel
GRUNDSATZPAPIER
Alfredo, ein Seelsorger in einer brasilianischen Basisgemeinde, wird anlässlich eines Bibelgesprächs von einem Fischer gefragt, warum sich Jesus ausgerechnet einen Fischer ausgesucht habe, um ihm die Leitung der Kirche anzuvertrauen. Da fällt ein anderer Fischer ins Gespräch ein und erklärt: „Wer sich zu Land bewegt, baut Straßen und asphaltiert sie. Und dann wird er immer wieder diesen Weg benutzen. Ein Fischer jedoch muss die Fische dort suchen, wo sie sind. Deshalb sucht er jeden Tag einen neuen Weg. Ihm kommt es darauf an, die Fische ausfindig zu machen. Es kann ja sein, dass der Weg von gestern nicht zu den Fischen von heute führt.“
Hermann Schalück
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
Mt 4,18-20
„Der Herr hat gesagt: Geht hinaus in alle Welt – und nicht: Setzt euch hin und wartet, bis einer kommt!“ (Alfred Delp)
Damit Gemeinde ein Gesicht bekommt – Kirche auf den Straßen unserer Zeit
Während einer fast fünfjährigen Phase haben sich die beiden Gemeinden St. Hilde¬gard und St. Michael in Viernheim mit der Frage des „Zusammen wachsens“ beschäftigt. Ziel war es, dass die beiden Gemeinden in ihrem je eigenen Wachstum gefördert werden, aber dass auch ein „aufeinander zu wachsen“ ermöglicht wird. Auf diesem Weg sind viele wichtige, kleine und große Schritte gegangen worden. Auch wenn dieser Prozess noch weitergeht und weitergehen muss, so konnte doch festge¬stellt werden, dass in den vergangenen zwei Jahren zunehmend das Thema „Fernstehendenpastoral“ bei den Verantwortlichen aufkam. Leitende Fragen waren dabei: Was ist die Situation der Menschen? Wie sind wir dabei als Gemeinde und Kirche präsent? Wie können wir andere zu dem Fest unseres Glaubens einladen? Wie kön¬nen wir aus unserem Glauben heraus Menschen dabei unterstützen, dass ihr Leben gelingt? Eine Konsequenz daraus war, dass wir als Kirche zu den Menschen gehen müssen, dass wir ihre Lebensorte, ihren Alltag aufsuchen müssen.
Damit verbunden ist für uns eine „zweifache“ Bewegung: Zum einen wollen wir ver¬stärkt zu den Menschen gehen – und damit unseren Gemeinden ein Gesicht geben. Kirche soll nicht nur über einen Artikel in der Zeitung, das Läuten der Glocken am Sonntag oder bei Beerdigungen erlebt werden, sondern Kirche soll im Alltag der Menschen präsent sein: „Wir sind nicht nur sonntags für Sie da!“
Zugleich möchten wir damit aber auch erreichen, dass die Gemeinde für uns ein Ge¬sicht bekommt. Und Gemeinde, das sind eben nicht nur die 700 Katholiken, die an einem Wochenende in den Gottesdiensten sind, sondern das sind auch die 600 Katholiken, die vielleicht an Ostern oder Weihnachten mal in einem Gottesdienst vorbeischauen – aber das sind auch ca. 6.300 Katholiken, die in unseren Gemeinden wohnen, und die wir vielleicht gar nicht kennen, die aber auch nicht aus Kirche aus¬getreten sondern sind, sondern mit ihren Kirchensteuern auch unsere Gemeindeaktivitäten mitfinanzieren. Und das sind darüber hinaus die evangelischen Mitchristen, die Angehörigen anderer Religionen und nicht zuletzt all diejenigen, die keiner Reli¬gionsgemeinschaft mehr angehören und die in unserem Pfarrgebiet wohnen.
Unterstützt fühlen wir uns in diesem Anliegen durch das Wort der Deutschen Bi¬schofskonferenz „Zeit zur Aussaat – Missionarisch Kirche sein“ und durch die Im¬pulse des Katholikentages in Mainz 1998 unter dem Motto: „Ihr sollt meine Zeugen sein!“.
Wir möchten Kirche an den Lebensorten, auf den Straßen, auf den Plätzen Viernheims sein, mitten im Alltag, mitten im Leben der Menschen – heute, hier und jetzt.
Dabei geht es nicht darum, dass wir uns anderen aufdrängen wollen, es geht nicht um ein „Missionieren“ im negativen Sinn, sondern wir möchten präsent sein, möchten menschliche Beziehungen dort aufbauen, wo es gewünscht wird, möchten es leichter machen, uns zu finden, wenn man uns sucht.
Biblische Grundlagen
Für uns geht es im Sinne von Joh 10,10 darum, dass die Menschen das Leben ha¬ben und es in Fülle haben. Fülle meint dabei nicht eine „Quantität“, also eine „Menge“ des Lebens, sondern eine „Qualität“, eine Lebensintensität. Wir haben er¬fahren, dass der christliche Glaube stark genug ist, existentielle Lebensfragen von Menschen auszuhalten – und sie, vielleicht, zu beantworten. Krankheit, Scheitern, Tod müssen nicht verdrängt und tabuisiert werden, sondern können in das Leben integriert werden – und das kann Menschen heil machen. Davon wollen wir mit unse¬rem Leben Zeugnis geben. Leitwort ist für uns dabei das Zitat aus dem 1. Petrusbrief: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!“ (1 Petr 3,15). Es geht nicht darum, unsere „Rede und Antwort“ un¬gefragt anderen hinterher zu tragen, sondern es geht darum, dass wir uns selbst so von der Hoffnung erfüllen lassen, dass andere neugierig werden und uns fragen. Dazu müssen wir aber dort sein, wo die Menschen sind.
„Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf einen Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.“ (Mt 5,14f).
Mit unserem Glauben haben wir einen Schatz, und das „irdene Gefäß“ unserer Kir¬che dient dazu, diesen Schatz zu transportieren, hin zu den Menschen – es geht nicht darum, den Schatz in den Kirchen zu lassen. Wir brauchen das Licht unseres Glaubens nicht unter den Scheffel zu stellen, sondern können durchaus selbstbe¬wusst damit zu den Menschen gehen.
Jesus selbst sendet seine Jünger zu den Menschen. "Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften. Er sagte zu ihnen: ... Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus!" (Lk 10,1.5).
Auf einer Tagung sprach man darüber, wie man das Evangelium am besten verbrei¬ten könnte, welche Broschüren man verschicken könne, wie man Zeitung, Rundfunk, Fernsehen und all die neuen Medien nutzen könne. Da meldete sich eine
junge Frau aus Afrika zu Wort und sagte: „Wir schicken in die Dörfer, die wir für das Evangelium gewinnen möchten, keine Schriften, wir schicken eine gläubige Familie dorthin, damit die Dorfbewohner sehen, was christliches Leben bedeutet.“
Jesus hat mit seinen Jüngern keine nette Kuschelgruppe gegründet, sondern er hat sie fortgeschickt zu den Menschen. Und ihr Auftrag war es, den Menschen die Qualität des Lebens zurück zu geben, indem sie Krankheiten heilten und Dämonen austrieben. Der Auftrag Jesu bestand nicht darin, diese Menschen anschließend alle mitzubringen, oft genug hat er Menschen, die sich ihm anschließen wollten, zurück in ihren Alltag geschickt. Dass eine solche Sendung der Jünger („Sendung“ ist übrigens das deutsche Wort für „missio“) nicht immer von „Erfolg“ gekrönt sein würde, das wusste auch Jesus: „Wenn man euch aber an einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.“ (Mk 6,11). „Erfolg“ ist keines der Kriterien Jesu, „Einladung“ und „Präsenz“ dagegen schon. Mit einem solchen Ansatz von Pastoral möchten wir weg von einer verwalteten und durchorganisierten Kirche und zurück zu den Anfängen, zu dem, wie es damals begann: „Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem soviel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ (Apg 2,44-47). Eine Vision, gewiss – aber: „Ein Volk ohne Vision geht zugrunde!“ (Spr 29,18 in einer Übersetzung von D. Sölle).
Ziele
Es geht darum, die befreiende Botschaft Jesu für die Menschen in unserer Welt und in unserer Zeit erfahrbar zu machen. Um diese befreiende Botschaft auf die Lebens¬situation der Menschen durchbuchstabieren zu können, müssen wir die Situation der Menschen kennen – und müssen die Menschen eine Chance haben, dieser Bot¬schaft zu begegnen. Und das geht nicht allein über Papier, sondern immer dann und dort, wo Menschen miteinander in Kontakt und im Gespräch sind. „Das vorrangige Zeugnis ist das gelebte Leben!“ (Evangeli nuntiandii). Dazu braucht es nicht unbe¬dingt Profis und Theologen, sondern dazu braucht es ganz normale Menschen, die aus ihrem Glauben leben, die das leben, was sie davon verstanden haben und die es in ihrer Sprache ausdrücken. Man könnte auch von einer Art „Gartenzaunpastoral“ sprechen.
Es geht darum, dass für die Menschen in unseren Gemeinden diese ein Gesicht be¬kommen, einen Namen, eine Telefonnummer, einen „Weg der kurzen und unkompli¬zierten Wege“. Manchmal ist die Hemmschwelle hoch, die Öffnungszeiten eines Pfarrbüros zu erfragen, schließlich dort anzurufen, dann bei einem Anrufbeantworter zu landen – und sein Anliegen, das man manchmal selbst vielleicht gar nicht so klar hat, dann auch noch in Sprache zu bringen. Wenn man die graue Tonne abends rausstellt und dabei den Nachbarn trifft, von dem man weiß, dass er da „bei Kirche dabei“ ist, lässt sich manches leichter sagen oder fragen.
Als Kirche können wir uns sinnvoll nur dann und dort in den Dienst von Menschen stellen, wenn wir wissen, was sie brauchen. Es macht wenig Sinn, Antworten auf Fragen zu geben, die niemand stellt.
Es geht um einen dialogischen Prozess – wir möchten von den anderen hören, was sie bewegt und beschäftigt – und wir laden ein, wenn sie möchten, auf unsere mögli¬chen Antworten zu hören. Oder auch zu unserem solidarischen Schweigen und Ver¬stummen, wenn wir selbst keine Antworten haben.
Die befreiende Botschaft soll ihren Weg durch Menschen zu Menschen finden – so hat es damals angefangen. Kein Papier, kein Brief, keine Internet-Seite wird diesen Kontakt je ersetzen können. Das ist unser Auftrag als Kirche - und dazu ist jeder von uns gesendet und beauftragt.
Umsetzungen
Diese Ziele sollen vor allem durch eine Form des „Straßenapostolats“ erreicht wer¬den. Das heißt: Mitglieder der Gemeinde erklären sich bereit, verantwortlicher An¬sprechpartner für ca. 20 bis 30 Haushalte zu sein und so Verbindungspartner zwi¬schen den Menschen und der Gemeinde/Kirche als Institution zu sein. Dazu gehört es in erster Linie, in dieser Funktion bekannt und ansprechbar zu sein. In einer ersten „Besuchsrunde“ soll dazu eine Infobroschüre verteilt werden, in der über die vielfälti¬gen Dienste und Aufgaben der Pfarrgemeinde informiert wird sowie die Kontaktadresse des Ansprechpartners angegeben wird. Die Kontaktpflege soll dann z.B. durch Geburtstagsgratulationen, Übermittlung von Glückwünschen der Gemeinde anläss¬lich der Geburt eines Kindes, Begrüßung von Neuzugezogenen und dem Verteilen der Pfarrzeitschrift aufrecht erhalten werden. Entscheidend ist und bleibt aber die Präsenz und die Ansprechbarkeit des jeweiligen Verantwortlichen. Seine Aufgabe wird maßgeblich auch eine Vermittlerfunktion zwischen Pastoralteam und Pfarrge¬meinderat einerseits und den Menschen, die nicht unbedingt zur Kerngemeinde der Pfarrei gehören, andererseits sein.
Wichtige Medien in diesem Prozess sind die neu zu erarbeitende Infobroschüre der Gemeinden sowie eine gemeinsame Pfarrzeitung, die ab Advent dreimal jährlich er¬scheinen soll, falls die Finanzierung gesichert werden kann.
Die ehrenamtlichen Verantwortlichen sollen für ihre Aufgabe ein Schulungsangebot zur Qualifizierung (Gesprächsführung, Ziele des Straßenapostolats) und zur Begleitung bekommen.
Was ist ein Caritas- Straßenapostel?
• Er ist Ansprechperson der Gemeinde für die Menschen in seiner Straße
Was macht ein Caritas-Straßenapostel in seiner Straße ?
Hier eine Auswahl der Möglichkeiten:
• Begrüßung Neuzugezogener
• Glückwünsche aussprechen zur Geburt, Taufe, Kommunion, Firmung, Geburtstag, Goldene Hochzeit…
• Pfarreizeitung austeilen
• Anfragen an das Pfarrbüro weiterleiten
• Hilfe der Gemeinde anbieten
• Caritasbriefe austeilen
Was wir bieten:
• Zwei Treffen im Jahr zum Erfahrungsaustausch
• Einen Besinnungstag im Jahr
• Jährlicher Ausflug aller Mitarbeiter
• Einladung zu gemeinsamen Gebetszeiten
• Einladung zu überregionalen Treffen
Ansprechpartner
• Maria Kühner
Theodor-Heuss-Allee 48
06204-602160
mvm.kuehner@gmx.de
• Clarissa Haas
Am Schmittsberg 21
06204-77755
• Heike Höffer
Dürkheimerstraße 8
06204- 7083070
heike.hoeffer@schrittweiser.de
• Herbert Kohl – Gemeindereferent
Kettelerstraße 63
06204-607614
hkohl@sankt-himi.de



